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Cobra
20.05.2006, 11:51
Was ist Eifersucht? 80 Prozent aller Männer und Frauen neigen dazu. Fast jeder dritte ist extrem eifersüchtig

kDu siehst deine Liebste auf der Party flirten. Du merkst, ein Konkurrent schickt sich an, deine Partnerin zu ködern. Die Alarmglocken schrillen. Plötzlich ist es da, das Gefühl, das dir den Magen zusammenzieht und die Luft abschnürt. Wer kennt das nicht? Jetzt bloß so tun, als wenn es dir nichts ausmacht. Du schämst dich für dieses unmoderne Gefühl. Es ist kleinlich, besitzergreifend, engherzig und zeugt von Abhängigkeit. Sei gelassen und großzügig. Du kämpfst gegen diesen stechenden Schmerz. Eine Gefühlsmischung aus nagenden Selbstwertängsten, Ohnmacht, Unterlegenheit, Wut, Rachegelüsten und Aggressivität, begleitet von Antriebs- und Freudlosigkeit, macht sich breit. Eifersucht kann das Leben zur Hölle machen. Mit der Scham über diese niederen Gefühle, tun sich aber viele Unrecht. Schon der Vater der Psychoanalyse, Siegmund Freud, sah die Eifersucht gelassener. "Eifersucht gehört zu den Affektzuständen, die man ähnlich wie Trauer, als normal bezeichnen kann", schrieb er. Denn abgesehen von der pathologischen Eifersucht, ist sie durchaus ein normales Warnsignal dafür, daß grundlegende Bedürfnisse nach Bestätigung und vor allem Sicherheit in der Beziehung nicht befriedigt sind.
Wer das Signal ignoriert, bringt sich um die Chance, die Partnerschaft zu verbessern und Mißverständnisse auszuräumen. Der Eifersucht entkommt niemand. Auch nicht die, die von sich behaupten, niemals eifersüchtig zu sein. Sie leiden dann eben an "unerklärlichen" Depressionen, Migräneanfällen oder Hautausschlag.


Eine internationale Studie belegt, daß Menschen aller Kulturen eifersüchtig reagieren, wenn sie ihre Beziehung in Gefahr sehen.
Das Ergebnis einer Umfrage der Gesellschaft für Rationelle Psychologie zeigt, daß etwa 80 Prozent aller Frauen und Männer zur Eifersucht neigen. 28 Prozent der Frauen und 32 Prozent der Männer sagen von sich selbst, daß sie "extrem eifersüchtig" sind. Dabei kommt es offenbar auf die jeweiligen Normen an: Ein Eskimo mag zwar aus Gastfreundschaft seine Frau einem fremden Mann als Bettgenossin - nur zum Wärmen - anbieten, er reagiert aber sehr eifersüchtig, wenn seine Partnerin von sich aus Interesse an dem anderen Man zeigt.


"Jeder Mensch weiß, daß Eifersucht Haß und Gewalt hervorrufen kann. Aber ich halte Liebe ohne Eifersucht für keine Liebe, sondern halte sie für eine fundamentale menschliche Erfahrung und glaube, daß sie eine natürliche und nützliche Funktion hat", sagt der texanische Evolutionspsychologe Professor David Buss. "Eifersucht ist ebenso wichtig wie Liebe und Sex." Ein Partner, der gegenüber den Umtrieben des anderen völlig gleichgültig erscheine, einer, bei dem sich mit keinem Mittel Eifersucht provozieren lasse, sei nicht zu ertragen, meint der Experte.
Männer und Frauen scheinen das quälende Gefühl zwar in gleicher Intensität zu empfinden - nur was den Auslöser betrifft, der die heftigsten Eifersuchtsattacken hervorruft, da scheiden sich die Geister, fand Buss in einem seiner Versuche heraus.

Der Forscher hielt seinen verkabelten Testpersonen zwei Szenarien vor Augen: Einmal sollten sie sich vorstellen, ihr Partner würde sich in einen anderen beziehungsweise eine andere verlieben - ohne Sex, rein platonisch. Es stellte sich heraus, daß dies besonders bei den Frauen heftige Streßreaktionen hervorrief. Im zweiten Teil des Versuchs bat Buss seine Probanden, sich auszumalen, ihr Freund oder ihre Freundin habe leidenschaftlichen Sex mit einem oder einer anderen. Hierbei schlugen die Meßgeräte bei den Männern wie verrückt aus und der Herzschlag beschleunigte sich um beinahe fünf Schläge pro Minute - viel heftiger als bei der reinen Gefühlsverirrung.
Buss begründet den Unterschied mit Blick auf die Evolution: Für den Ur-Mann in der afrikanischen Savanne war es keine Katastrophe, wenn sich seine Frau in einen anderen verliebte. Dabei besteht der größte genetische Alptraum des Mannes darin, daß er ein Kuckuckskind untergeschoben bekommt. Die Gefahr wird aber erst dann konkret, wenn sie mit dem Rivalen ins Bett geht. In diesem Fall wird nicht nur die Wahrscheinlichkeit für eigenen Nachwuchs verringert, sondern er versorgt auch noch das Kind seines Konkurrenten und steckt seine Zeit und Energie in fremde Gene.
Für unsere Ur-Frau sah die Situation etwas anders aus. Auch für sie war ein Seitensprung ihres Partners schlimm, keine Frage. Rein biologisch war es für sie noch verhängnisvoller, wenn sich ihr Mann in die Rivalin verliebte. Denn jetzt war das Risiko groß, daß er sie zugunsten der Konkurrentin sitzen und sie mit dem Nachwuchs allein ließ. Deshalb, spekulieren Wissenschaftler, fühlt sich die Frau von einer emotionalen Untreue mehr verletzt als von einem "bedeutungslosen" Seitensprung.

Heute, wo es an jeder Ecke einen Supermarkt gibt, braucht die Frau den Mann nicht mehr unbedingt als Jäger und Ernährer. Aber das, meinen die Evolutionsforscher, können ja unsere Gene nicht wissen. Der Homo sapiens von heute hat immer noch die Gene und damit auch die Gefühle von gestern.
Auch was wir in unserer Kindheit erleben, entscheidet darüber, wie eifersüchtig wir als Erwachsene sind: Einzelkinder neigen am wenigsten zur Eifersucht, da sie nicht mit anderen Geschwistern um die Liebe der Eltern konkurrieren müssen. Offenbar gibt die Erfahrung, als Kind einmal exklusive Liebe und Aufmerksamkeit erfahren zu haben, einem Menschen fürs ganze Leben ein Gefühl der Sicherheit. Spätere Geschwister dagegen haben von Anfang an lernen müssen, daß man für die Liebe kämpfen muß.


Leicht kann Eifersucht ins Krankhafte abdriften. Die italienische Psychiaterin Donatella Marazziti von der Universität Pisa entnahm hochgradig eifersüchtigen Studenten eine Blutprobe und stellte fest: Der Spiegel des Botenstoffs namens Serotonin lag bei den Liebeskranken danieder. Einen ähnlichen Befund findet man bei Zwangspatienten, die sich zum Beispiel ständig die Hände waschen. Bei krankhaft Eifersüchtigen, vermutet Marazziti, bekommen Gedanken und Handlungen einen ähnlich zwanghaften Charakter: Jede Verhaltensweise des Partners gibt Anlaß zu Mißtrauen. Mit Medikamenten, die das Serotonin im Kopf mobilisieren, läßt das neurotische Verhalten nach.
Die Wissenschaftlerin Annette Schmitt von der Universität Oldenburg protokollierte das Eifersuchtserleben von 200 Männern und Frauen. Es zeigte sich ein Kern, der allen Geschichten eigen war: der quälende Gedanke an den Verlust der Liebe. Dieser Gedanke wurde überwiegend mit dem Verlust der Ausschließlichkeit der Liebesbeziehung gleichgesetzt. Damit kristallisierte sich heraus, daß alle Befragten davon überzeugt sind, daß die romantische Liebe in ihrem Wesen nach nicht teilbar ist. Der Wert der eigenen Liebesbeziehung wird generell in ihrer Ausschließlichkeit und Einzigartigkeit gesehen.

Wohl niemand regt sich über ein bißchen Eifersucht auf. Ist sie nicht am Ende auch ein Liebesbeweis? Ist sie nicht auch ein Ausdruck von Leidenschaft?