PDA

View Full Version : Umwelt/Natur - Erde erhitzt sich schneller als befürchtet



Cobra
23.05.2006, 18:06
Forscher kommen in neuen Studien zu alarmierenden Ergebnissen: Die Rückkopplungseffekte, mit denen sich die Erwärmung automatisch verstärkt, seien bisher unterschätzt worden. Der Anstieg der globalen Temperaturen müsse um 15 bis 78 Prozent nach oben korrigiert werden.
kDie Wechselwirkung zwischen menschlichem Treibhausgas-Ausstoß und natürlichen Prozessen bereitet Klimaforschern seit Jahren Kopfzerbrechen. Die Prognosen reichen von sanften Effekten bis hin zu Horrorszenarien, in denen die Erwärmung selbst zu immer größeren natürlichen Klimagas-Emissionen und damit in einen galoppierenden Treibhauseffekt führt.
Jetzt haben Wissenschaftler neue Daten vorgelegt - und die besagen nichts Gutes. "Frühere Untersuchungen haben die Rückkopplung nicht ignoriert, aber zu niedrig angesetzt", sagt Victor Brovkin vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Das liege zum Teil daran, dass die Rückkopplung bisher nur im Computer simuliert worden sei. Brovkin hat nun gemeinsam mit seinen Kollegen Marten Scheffer von der niederländischen Universität Wageningen und Peter Cox vom Centre for Ecology and Hydrology im englischen Dorset geologische Daten in Eisbohrkernen und Baumringen analysiert, die aus der Zeit der sogenannten Kleinen Eiszeit von 1550 bis 1850 stammen.
Der Vorteil dieses Ansatzes: Da die Kleine Eiszeit erst wenige Jahrhunderte und nicht, wie frühere Eiszeiten, Zehntausende oder gar Hunderttausende Jahre zurückliegt, sind die Verhältnisse besser mit den heutigen vergleichbar. Zudem liegen über die Kleine Eiszeit belastbare Klimadaten vor.

"Wir haben einen mächtigen Mechanismus entdeckt"
Während dieser Zeit war es in Nordeuropa deutlich kälter als heute, nach Meinung von Wissenschaftlern vor allem wegen reduzierter Sonnenaktivität. Anhand der Daten aus den Baumringen und Eiskernen konnten Brovkin und seine Kollegen nun rekonstruieren, wie empfindlich der CO2-Gehalt der Atmosphäre auf Temperaturschwankungen reagiert. Der Zusammenhang war eindeutig: "Wir haben einen mächtigen Mechanismus entdeckt, der die Temperatur beeinflusst", erklärt Brovkin im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Im Fachblatt "Geophysical Research Letters" schreiben die Forscher, dass frühere Temperatur-Prognosen ohne Berücksichtigung der Rückkopplung um 15 bis 78 Prozent nach oben korrigiert werden müssten. "Der Wert von 78 Prozent liegt am extremen oberen Ende und ist eher unwahrscheinlich", räumt Brovkin ein. Die Wahrheit liege wahrscheinlich in der Mitte, doch sei das bereits ein beachtlicher Anstieg. Brovkins Kollege Scheffer geht davon aus, dass sich die Erwärmung um 50 Prozent steigern wird.
Im Einzelnen seien es zwei Faktoren, die für die Rückkopplung verantwortlich sind. "Wenn es wärmer wird, nehmen die Meere weniger Kohlendioxid auf", erklärt Brovkin. Ein zweiter Effekt sei an Land zu beobachten: "Bei steigenden Temperaturen wird mehr organisches Material zersetzt, was den Ausstoß von CO2 steigen lässt."

Methan-Ausstoß gar nicht berücksichtigt
Wie stark sich der Temperaturanstieg dadurch beschleunige, lasse sich nicht genau beziffern. "Es gibt die Rückkopplung ja bereits, und deshalb steckt sie in den heutigen Klimamodellen drin", sagt Brovkin. In welchem Maße, sei aber unklar - weshalb die Forscher für die Korrektur des Temperaturanstiegs die recht weite Spanne von 15 bis 78 Prozent angeben. Und das sei noch konservativ gerechnet: Hochwirksame Klimagase wie Methan seien in dem Rechenmodell gar nicht berücksichtigt.
Andere Wissenschaftler äußerten sich dagegen skeptisch über die Höhe der prognostizierten Erwärmungs-Beschleunigung. "Die Rückkopplung im Kohlenstoff-Kreislauf wird bereits seit Jahren mit teils komplexen Systemen simuliert", sagte Mojib Latif vom Leibniz-Institut für Meereswissenschaften (IFM-Geomar) in Kiel. "Ich würde höchstens von 30 Prozent ausgehen. Alles darüber würde mich wundern."
In einer weiteren Studie, ebenfalls in der aktuellen Ausgabe der "Geophysical Research Letters" erschienen, liefern Wissenschaftler jedoch anhand eines anderen Rechenmodells konkrete Zahlen für den Temperaturanstieg. Auch sie kommen zu dem Ergebnis: Die bisherigen Schätzungen sind zu niedrig.

Andere Forscher, ähnliche ErgebnisseDie Forscher um Margaret Torn vom Lawrence Berkeley National Laboratory in den USA haben Bohrkerne aus der Vostok-Eisplatte in der Antarktis zutage gefördert, die rund 360.000 Jahre in die Vergangenheit zurückreichen. Die Analyse zeige, dass die Temperatur auf der Erde bis zum Ende dieses Jahrhunderts um 6 Grad Celsius, schlimmstenfalls sogar bis um 7,7 Grad ansteigen dürfte.
Auch Torns Team hat einen klaren Zusammenhang zwischen der globalen Temperatur und der Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre gefunden. Die Warmperioden seien durch verstärkte Sonneneinstrahlung ausgelöst worden, doch die tatsächlichen Temperaturen seien mit der Sonnenaktivität allein nicht erklärbar, argumentieren die Wissenschaftler. Sie machen die gestiegene Konzentration von CO2 und Methan für das Mehr an Wärme verantwortlich.
Deshalb glauben auch Torn und ihre Kollegen, dass man die bisherigen Klimaprognosen deutlich nach oben korrigieren muss. Die bisherigen Modelle gingen von einem Anstieg von 1,5 bis 4,5 Grad Celsius aus, sollte sich die CO2-Konzentration in der Atmosphäre verdoppeln. Doch die von der Rückkopplung ausgelöste verstärkte Kohlendioxid-Freisetzung könnte diesen Wert auf 1,6 bis 6 Grad steigern - wobei der höhere Wert der Wahrscheinlichere sei.
Am Ende des 21. Jahrhunderts könne sich so eine Steigerung der globalen Durchschnittstemperaturen um 7,7 Grad gegenüber dem heutigen Wert ergeben. In einem solchen Fall drohen dramatische Folgen: Neben verheerenden Wetterkapriolen könnten schon bald Küstenstädte versinken, während es in Deutschland womöglich mediterrane Klimaverhältnisse geben wird.