PDA

View Full Version : Archäologie - Im Harz lebten einst zwergenhafte Dinosaurier



Cobra
08.06.2006, 07:05
Analysen der 150 Millionen Jahre alten Knochenfunde belegen: Die urzeitlichen Echsen waren geschrumpfte Inselbewohner
Hanna-Modelle im Dinosaurier-Freilichtmuseum Münchehagen

kRehburg-Loccum - Hanna heißt jetzt Holger. Er ist auch kein Baby-Dinosaurier, wie ursprünglich vermutet, sondern ein ausgewachsener Sauropode - mit 6,2 Metern allerdings ein Zwerg. "Ob er nun männlich oder weiblich war, wissen wir nicht genau", sagt Thomas Laven, Paläontologe am Dinosaurier-Freilichtmuseum Münchehagen in Rehburg-Loccum. "Dazu fehlen uns ein paar Knochen zum Vergleich." Eindeutig ist aber, daß es sich um eine bislang unbekannte Art handelt, die jetzt im Fachmagazin "Nature" erstmals beschrieben wird. Ungewöhnlich ist vor allem die Größe dieser pflanzenfressenden Sauropoden, die mit 1,75 bis 6,2 Metern weit unter dem Längenmaß des verwandten Brachiosaurus von etwa 23 Metern zurückbleibt. Und das Körpergewicht betrug dabei weniger als fünf Tonnen. "Es sind die kleinsten Riesensaurier", sagt ihr Präparator Nils Knötschke mit großem Stolz. Knötschke, Laven und ihr portugiesischer Forscherkollege Octavio Mateus nennen sie offiziell Europasaurus holgeri nach dem europäischen Fundort der Langhals-Echse und ihrem Entdecker Holger Lüdtke. Ein versierter Hobby-Geologe, der 1998 die ersten Europasaurus-Knochen in einem Steinbruch bei Oker nahe Goslar entdeckte. Hanna, Lüdtkes damals dreijährige Tochter, ward Namenspatronin des Mini-Dinos.


kEr hatte ein "komisches Gefühl", als ihm die erste Zahnkrone auffiel. Das Kribbeln wurde stärker, als noch andere Stücke zum Vorschein kamen: "zu groß für ein Ur-Krokodil". Lüdtke benachrichtigte die Fachleute vom Dino-Park Münchehagen, mit denen er bis heute zusammenarbeitet, und mußte zwei Wochen auf einen Besuch warten. Niemand ahnte, daß die Privatsammlung im Ort Triangel eine kleine Sensation bereithielt: die rund 150 Millionen Jahre alten Überreste eines Landsauriers, von denen es in Europa kaum Funde gibt. Schon gar nicht in Deutschland: Zur Zeit des Jura bedeckte ein Flachmeer die Landschaft. "Es existierten damals nur wenige Inseln", erklärt Professor Martin Sander, der an der Universität Bonn verschiedene Knochen aus dem Harz untersuchte. Etwa die sogenannte Böhmische wie auch die Rheinische Masse.


Die größten Flächen Niedersachsens umfaßten in dieser Zeit höchstens 200 000 Quadratkilometer - zu klein, um Herden riesiger Sauropoden ausreichend Platz zu bieten: Die Evolution mußte sie also auf Zwergengröße schrumpfen. Ein Prozeß, wie er auf Inseln immer wieder geschieht und nicht nur madagassische Mausmakis oder Minifrösche hervorbringt. So beherbergten Sardinien und Sizilien einst kleinwüchsige Elefanten, auf der sibirischen Insel Wrangel lebten noch bis vor 4000 Jahren Zwergmammuts.


Für Sander und seine Kollegen vom Münchehagener Dino-Park liefert eine Inselschrumpfung jetzt die schlüssige Erklärung für ihre Saurierzwerge aus dem Harz. Inzwischen wurden dort die Überreste von elf Individuen aus dem Steinbruch geborgen. Selbst ein Schädel blieb im feinen Kalkstein des früheren Meeresufers ausgezeichnet erhalten. Aber um Jungtiere handelt es sich nur bei den kleineren, sechs haben die volle Größe erreicht, ihre Oberschenkelknochen waren etwa 50 Zentimeter lang. Daß es ausgewachsene Exemplare sein müssen, bemerkte Knochenexperte Sander unter dem Mikroskop. Ihm fielen bestimmte Wachstumsmarkierungen im Fossilquerschnitt auf, die er von anderen Dinos kannte. Bei Riesensauriern jedoch verblüfften solche Strukturen, die Baumringen ähneln. "Im äußeren Bereich des Knochen drängen sich die Stillstandslinien dicht", beschreibt Sander das histologische Merkmal, das für einen erwachsenen Saurier spricht. "Die Insel-Mammuts schrumpften in weniger als 6000 Jahren auf Zwergstatur, der Selektionsdruck könnte sich beim Europasaurus ähnlich rasch ausgewirkt haben." Nach sechs bis acht Jahren waren die Inselbewohner wohl ausgewachsen: Vielleicht wurde die Wachstumsrate der größeren Ahnen gedrosselt? Wie die schnelle Anpassung an den Lebensraum gelingen konnte, sollen weitere Untersuchungen der zuvor für Gigantismus berühmten Echsen zeigen. Eine Insel besitzt nur begrenzte Nahrungsreserven - vielleicht auch weniger Feinde. "Das Körperwachstum früher abzuschließen ist der einfachste Weg der Evolution, sich an eine derart veränderte Umwelt anzupassen", erklärt Thomas Laven. Statt Neues zu erfinden, bleibt der Bauplan gleich. Das gilt wohl auch für den Namen des Zwergsaurier: "Auch wenn er offiziell nach mir benannt wurde", ist Holger Lüdtke überzeugt, "für mich und die Erforscher bleibt es Hanna."