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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Goodbye Gameplay - Dreamfall und die Rätsel



Voodoo
19.06.2006, 10:19
Ich habe hier eine schöne Kolumne gefunden, die mich als bekennender Adventurefan doch sehr interessierte. Es geht um die Tatsache, dass richtig gute klassische Adventures mit Rätsel und alles was dazu gehört heute gar nicht mehr zu finden ist. Die Kolumne ist von Jan Schneider vom Adventure-Treff. Würde mich freuen, wenn so manch einer was dazu schreiben könnte.


Im letzten Jahr kam Fahrenheit auf den Markt. Wer zwischen stupiden Senso-Orgien und anderen Minispielpassagen das eine Rätsel entdeckt hatte, das die Designer in der Spielwelt versteckt hatten, konnte sich schon als kleiner Meisterdetektiv fühlen. Das eigentliche Spiel im "Spiel" musste man mit der Lupe suchen und als Adventure-Gourmet sollte es einem fast die Schamesröte ins Gesicht treiben, wenn man derartige Stumpfsinningkeit bis zum Ende ertragen konnte. Und dennoch hat mich Fahrenheit gefesselt wie kaum ein richtiges Adventure im vergangenen Jahr. Die Inszenierung war so mitreißend, die Geschichte Anfangs so stark und die Erzählweise so originell, dass ich kaum den Ausknopf drücken mochte. Und der fade Beigeschmack, der am Schluss leider blieb, hatte weniger mit der Abwesenheit von Gameplay zu tun, sondern mehr damit, dass die Geschichte gegen Ende doch arg abstruse Purzelbäume schlug. In dieser Hinsicht war Fahrenheit etwas Besonderes, ein Einzelfall, wie ich dachte.

Jetzt habe ich Dreamfall gespielt, den Nachfolger eines meiner Lieblingsadventures. Neben seiner tiefen Geschichte und der überzeugenden Heldin mochte ich The Longest Journey auch sehr für die Heerschar an klassisch-kniffligen Rätseln. Der Nachfolger bietet zwar wieder eine tolle Geschichte, interessante Charaktere und eine sympathische Heldin, die durchaus mehr als die zwei üblichen Argumente vorzuweisen hat, doch sonst wird man als Adventurefan nicht gerade verwöhnt. Zwischen einigen unspektakulären Schleich- und Kampfeinlagen klebt ein kümmerlicher Rest Rätsel, so wie nach einem Karnevalszug noch einige Bonbonreste zwischen durchnässtem Konfetti und Bierglassplittern an den Innenseiten der Bordsteinkanten kleben, nachdem Müllabfuhr und Obdachlose alles irgendwie Greifbare im Müllwagen bzw. in Alditüten davongetragen haben. Wie auf dem Sterbebett aufgebahrt präsentiert sich dieser beschämend triviale Rest in Form von Repariere-den-Watilla- und Bastle-die-Fackel-Aufgaben, als würde man der Jugend von heute noch einmal zeigen wollen, was Großvater damals, in der guten alten Zeit, denn an Spielen begeistert hat, jedoch ohne Gefahr zu laufen, die Pisa-gegerbten Gehirne der Gegenwart ernsthaft zu strapazieren.

Und dennoch: auch Dreamfall hat mich mitgerissen, so sehr, dass ich keine 48 Stunden nach der Installation bereits den Abspann über den Monitor rollen sah. Dreamfall habe ich nicht so intensiv gespielt, weil mich die Herausforderung an den Monitor gefesselt hätte, nicht, weil ich auch noch das nächste Rätsel entschlüsseln wollte. Dreamfall hat mich aus demselben Grund begeistert, aus dem mich spannende Filme begeistern: Eine hervorragende Geschichte wird da gekonnt erzählt, und, wie ich an Beispielen wie Dreamfall und Fahrenheit feststellen muss, das reicht mir, um mich nicht nur 2 Stunden im Kinosessel zu unterhalten, sondern auch 12 Stunden vor dem PC.

Bisher habe ich immer einen Bogen um interaktive Filme gemacht und war froh, dass Kollege Grünwald sich hinreichend stark für dieses Subgenre interessiert, dass Adventure-Treff trotzdem hin und wieder darüber berichtet. Es hat mich nie wirklich gereizt, während eines Films die Frage zu beantworten, ob Sue Allen nun durch das Bleiglasfenster in den brennenden Lavasee springen soll, um Trantor abzulenken, oder ob sie Inspektor Zebok erschießen soll, um das Vertrauen des Bösewichts zu gewinnen - zumal meinem unqualifizierten Eindruck zufolge solche Formate selten gut produziert sind. Vielleicht ist aber auch für Dreamfall "interaktiver Film" das bessere Wort, und mit dieser Art von interaktivem Film kann ich nicht nur leben, davon wünsche ich mir sogar mehr. (Kleine Bitte an die Interaktivität-ist-das-Heil-Fraktion und die Direkte-Steuerung-ist-Teufelswerk-Grobmotoriker: Mit den Hassmails noch einen Absatz lang zu warten.)

Aber. Ich freue mich zwar auf jedes Spiel wie Dreamfall, trotzdem hoffe ich inständig, dass nicht auf Dauer das ganze Genre in diese Richtung abdriftet und der denkende Mensch zur Persona non grata wird. Tendenziell mag es seit der Parserzeit schon deutlich leichter in der Adventurewelt geworden zu sein, ich bin aber froher Hoffnung, dass das immer vielseitigere Gesicht des Genres auch den Spielen Raum bietet, die mit interessanten Rätseln den Geist auf eine Art fordern, die über das Nachvollziehen der Geschichte hinausgehen. Man schaue z.B. nur auf Runaway 2, das klassische, originelle und knifflige Inventarrätsel verspricht und trotzdem zu den am meisten erwarteten Adventures des Jahres gehört. Seit Jahren!

Kurz gesagt: wenn eine tolle Geschichte erzählt wird, dann spielt für mich die Spielmechanik eine untergeordnete Rolle. Gute Bücher haben schließlich auch ein mieses Gameplay. Ich bitte die Entwickler aber, dies nicht als Aufforderung zur Dummifizierung ihrer Produkte zu sehen. Im Gegenteil: Eine tolle Geschichte und tolle Rätsel, das wär mal was!

zoot
19.06.2006, 10:37
verstehen kann ich diesen jan, es gibt wirklich nicht viele Adventure spiele, schlimm finde ich es allerdings garnicht, weil ich noch nie ein fan von Adventure's war *g*

Voodoo
19.06.2006, 10:56
So spiele wie Monkey Island, Day of the Tentacle, Baphomets Fluch, Simon the Sorcerer, Sam & Max und Co muss man einfach gespielt haben. Da ist soviel Humor drin, da scheitern die meisten Kinokomödien dran. Ich vermisse diese Zeit irgendwie... ich verstehe die Entwickler allerdings. Heute wird doch fast nur noch Online Rollenspiele oder andere Mammutprojekte vom Kunden gekauft. Echt schade....

Ich besitze bis auf Monkey Island 4 jedes LucasArts Adventure als Original. Darauf bin ich wirklich stolz. Zurück zum Thema. Auch mir hat Fahrenheit sehr viel Spaß gemacht, doch muss ich sagen (wie schon in meinem Test), dass es nicht wirklich ein Adventure war, sondern ein interaktiver Action-Film. Will einfach mal wieder so richtig rätseln. Zuletzt hatte ich es bei Runaway, das auch nicht mehr das jüngste ist.

Deadman
19.06.2006, 11:40
Ich denke, das Problem ist, dass Adventure Spiele mit einem schwierigeren Rätsel-Level bei der aktuellen Spieler Generation (bis 20 Jahre) einfach keinen Absatz finden würden.
Denn ein zunehmender Konzentrationsverlust, unabhängig von der ganzen "Ego-Shooter sind Schuld"-Diskussion sind laut einiger Studien (die ich irgendwann mal im Netz gelesen habe), st anscheinend tatsächlich gegeben.
Wie also sollten Entwickler derzeit nich Gewinn mit solchen Spielen machen, wenn diese höchstwahrscheinlich in jeder Gameszeitschrift bereits als "sehr schwierig" klassifiziert werden würden und somit kein Jugendlicher auf die Idee kommt ein solches Spiel auch nur anzutesten.
Vielleicht weil die meisten sogar irgendwann mal Monkey Island gespielt haben und dort schon auf dem Piraten Schiff nicht weiterkamen.
Somit werden Resourcen der Entwicklung anscheinend lieber "sicherere" Einnahmequellen wie interaktive Filme gesteckt.

Voodoo
19.06.2006, 11:45
Die Entwicklung sollte doch eigentich jeden vernünftigen Menschen traurig stimmen, wenn Jugendliche sofort kleinbei geben und beim Adventure entweder zur Komplettlösung greifen oder gleich ganz aufhören. Hallo? Gehirn ist auch zu mehr fähgig als nur den Weg zum Kühlschrank zu merken!

Mich würde es riesig freuen, wenn wieder mehr klassische Adventures ala LucasArts rauskommen würden.

rieke
19.06.2006, 13:46
Da kann ich Deadman nur beipflichten. Die Konzentrationsfähigkeit lässt deutlich nach, wenn man sich außschließlich in seiner Freizeit mit dem PC-Spielen. Vor allem schnelle SPiele liefern so viele Reize, die erstmal von anderen Beschäftigungen geboten werden müssen. Hinzu kommt noch, dass man Probleme mit dem Wortschatz bekommt, d.h. das Sprachzentrum ist auch einbegriffen in der negativen Entwicklung.

Sleip`
19.06.2006, 13:54
abhilfe schafft hier "Dr. Kawashima's Gehirn Jogging" für den nintendo ds! und ihr behauptet spiele fördern nicht die konzentration! :D

Voodoo
19.06.2006, 14:02
Die Konzentrationsfähigkeit lässt deutlich nach, wenn man sich außschließlich in seiner Freizeit mit dem PC-Spielen.

Da widersprech ich dir Susee. Es kommt immer drauf an, was man spielt. Toni hat schon ein gutes Beispiel gebracht. Auch Taktik Spiele oder andere Simulationen fördern die Konzentration. Ego-Shooter haben mMn wirklich diese von dir beschriebenen Eigenschaften.

rieke
19.06.2006, 15:20
jo warn bissl unklar formuliert. Ich bezieh mich im Prinzip ausschließlich auf Ego-Shooter.