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View Full Version : Medizin - Frösche finden Medikamente im Wasser



Cobra
20.06.2006, 19:48
Kaulquappen einer Froschart reagieren äußerst sensibel auf Chemikalien. Berliner Forscher wollen sie jetzt als Frühwarnsystem einsetzen. Die Tiere zeigen, ob Chemikalien hormonelle Wirkung haben - oder ob Medikamentenreste im Wasser treiben.

kMediziner nutzten die Tiere ausgiebig für Schwangerschaftstests. Lebenden Amphibienweibchen wurde dabei der Morgenurin von Frauen unter die Haut gespritzt. War die Frau schwanger, lösten die in dem Urin vorhandenen Hormone bei den Tieren einen Eisprung aus. Die Frösche wurden deshalb auch Apothekerfrösche genannt, weil die Tests häufig in Apotheken durchgeführt wurden.
Heute dient der Krallenfrosch wieder als Testorganismus - wenngleich nicht als Klapperstorch-Indikator, sondern im Gewässerschutz.
Am Berliner Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei versuchen Wissenschaftler schon seit längerem, das feine Gespür der Krallenfrösche für geringste Konzentrationen von Chemikalien zu nutzen. Nun ist den Forschern offenbar ein Durchbruch geglückt: Sie haben einen Test zum Nachweis jener Umweltchemikalien entwickelt, die wie Hormone wirken.

Werden Krallenfrosch-Kaulquappen solchen Chemikalien ausgesetzt, spielt ihr Hormonsystem verrückt: Sie wachsen zwar weiter, verwandeln sich aber nicht in Frösche. Die Froschlarven seien "extrem sensibel", sagte der Biologe Werner Kloas. Schon geringste Mengen von Wirkstoffen reichten aus, um das Hormonsystem der Amphibien durcheinander zu bringen.
Schlüsselhormon für Metamorphose der Frösche

Bei dem Test beobachten die Forscher zwei Gruppen von gleichaltrigen Froschlarven. Die eine Gruppe der Kaulquappen wird der zu testenden Substanz ausgesetzt, die andere dient als Kontrollgruppe. Je nachdem, wann und ob überhaupt die Metamorphose zum Frosch einsetzt, lassen sich Rückschlüsse über die hormonelle Wirksamkeit der Testsubstanz ziehen. "Es geht in erster Linie um das Schilddrüsensystem", erläutert Kloas, "denn die Schilddrüsenhormone steuern bei den Fröschen die Metamorphose."

Die Wissenschaftler testeten Stoffe, die nicht oder nur sehr gering giftig sind, aber das Hormonsystem von Wirbeltieren beeinflussen. Zu diesen Stoffen zählen in der Landwirtschaft eingesetzte Chemikalien, Medikamentenrückstände und bestimmte Kunststoffe. Die Untersuchungen sollen auch klären helfen, welche Umweltchemikalien negative Einflüsse auf das Schilddrüsensystem beim Menschen haben.

"Mit den Froschlarven können wir auch Gewässer testen, etwa die Ausläufe von Kläranlagen", erklärte Kloas. Selbst die gründlichste Reinigung von Abwässern vermag kaum die Medikamentenrückstände zu entfernen, die über Ausscheidungen in die Kanalisation gelangt sind.
Das Frühwarnsystem Krallenfrosch wollen die Forscher als Standardtest in OECD-Ländern nutzen - derzeit befindet sich das Verfahren nach Angaben des Leibniz-Instituts in der zweiten Validierungsphase.
Der Test mit den Kaulquappen sei sehr einfach durchzuführen: Es reiche der Augenschein, komplizierte Bluttests oder Gewebeuntersuchungen seien nicht nötig.