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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Medizin - Die virtuelle Autopsie



Cobra
30.06.2006, 09:14
k Bei etwa zehn Prozent der jährlich 800.000 Verstorbenen in Deutschland muss die Todesursache durch eine Autopsie des Gerichtsmediziners geklärt werden. Mit virtueller Autopsie, kurz Virtopsie, lassen sich zunehmend Todesursachen und Verletzungen genauer darstellen als mit herkömmlicher Sektion der Leichen.
Am Institut für Rechtsmedizin der Universität Bern, aber auch an anderen Institutionen wie etwa an der Otto-von-Guericke Universität in Magdeburg erproben Mediziner seit einigen Jahren neuartige Autopsie-Methoden, bei denen auf die Sektion verzichtet werden kann: die virtuelle Autopsie. Mit dem Magnetresonanztomographen (MRT) und dem Computertomographen führen die Rechtsmediziner nun virtuelle Schnitte aus: Strahlen ersetzen das Messer. Die bisherigen Ergebnisse sind ermutigend. Nach Untersuchungen in Bern, Magdeburg und Frankfurt/Main liefern die bildgebenden Verfahren ähnlich gute Untersuchungsergebnisse wie das echte Sezieren der Toten. Virtopsie und herkömmliche Autopsie ergaben eine überraschend hohe Übereinstimmung.

Mit Virtopsie können praktisch alle kriminalistisch wichtigen Daten erfasst werden, ohne dass die Leiche eröffnet werden muss. Mit der Mehrschicht-Computertomographie kann die Knochenstruktur exakt abgebildet werden. Dabei können sogar kleine Frakturen der Wirbelsäule sichtbar gemacht werden, die bei einer konventionellen Autopsie dem untersuchenden Arzt oft verborgen bleiben. Mit Magnet-Resonanz-Tomographie können die Organe und die Muskulatur exakt auf Verletzungen untersucht werden. Mit der Magnetresonanzspektroskopie werden Stoffwechselprodukte im Gehirn genau erfasst. Damit lässt sich etwa der Todeszeitpunkt auch noch mehr als zwei Tage nach dem Tode zuverlässig erfassen.

Besonders bewährt hat sich nach Angaben der Rechtsmediziner der Einsatz des Computertomographen bei der Suche nach Fremdkörpern wie Projektilen, Gasansammlungen, aber auch zur Diagnose von versteckten Knochenbrüchen und Kindesmisshandlungen. Länger zurückliegende, verheilte Knochenbrüche, die äußerlich keine Spuren hinterließen, lassen sich durch die Virtopsie nachweisen. Der Computer-Scanner mache alte, unsichtbare Verletzungen sichtbar.

Trotz aller Fortschritte wird es nach Schätzung der Experten noch zehn bis fünfzehn Jahre dauern, bis die Virtopsie als Standardverfahren die Autopsie ersetzen kann. Außerdem betragen zur Zeit die Kosten für eine virtuelle Untersuchung noch das Zwei- bis Dreifache einer herkömmlichen Sektion. Doch schon jetzt sind die Vorteile des neuen Verfahrens beeindruckend: Die Daten liegen immer exakt dokumentiert vor und können in dreidimensionaler Rekonstruktion vor Gericht eindrucksvoll dargestellt werden. Die digitalen Daten lassen sich zudem einfach speichern und verschicken. Neben der exakten Erfassung des Körperinneren lassen sich mit Virtopsie auch die Veränderungen an der Körperoberfläche, die gerade bei kriminalistischen Untersuchungen von besonderer Bedeutung sind, dreidimensional maß- und winkeltreu erfassen.