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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Medizin - Mäuse mit "künstlichem" Sperma gezeugt



Cobra
12.07.2006, 08:15
dDer deutsche Stammzellenforscher Miodrag Stojkovic konnte dort im Labor Europas ersten menschlichen Embryo klonen. Das war 2005 - seit Anfang des Jahres ist er Deputy Direktor am Prinz-Felipe-Forschungszentrum in Valencia. Seinen Lehrstuhl für Stammzellbiologie hat Nayernia erst vor elf Tagen übernommen, aber auch er könnte wie Stojkovic in Großbritannien zum "german shooting star" werden. Vor seinem Wechsel nach England arbeitete er an der Universität in Göttingen, wo ihm mit dem Team um Professor Wolfgang Engel eine Sensation gelang: Aus embryonalen Stammzellen der Maus erzeugten die Forscher Spermien, mit denen sie Eizellen künstlich befruchten konnten, so daß Embryonen entstanden.


Bis zu diesem Schritt waren zwar schon andere Forscher gekommen, doch keinem ist es bisher gelungen, lebende Tiere zu erzeugen. Die Göttinger verpflanzten 65 Embryonen in weibliche Mäuse und hatten Erfolg. Ein Dutzend Jungen kam zur Welt. Allerdings mit veränderter Körpergröße und kurzer Lebenserwartung von nur fünf Tagen bis höchstens fünf Monaten. Die im Fachjournal "Developmental Cell" veröffentlichte Studie ist dem britischen "Independent" eine Titelgeschichte wert. Das erhoffte Ende der männlichen Unfruchtbarkeit sei aber keineswegs erreicht, betonen die Forscher: "Bevor sich ein Mister X mit Hilfe des Verfahrens fortpflanzen könnte, müßte er zuvor geklont werden, um die embryonalen Stammzellen zu erhalten. Dafür sind Extra-Eizellen nötig und die Methode - für 65 Embryonen brauchten wir 210 Eizellen - ist erheblich zu verbessern", erklärt Engel, der das Göttinger Institut für Humangenetik leitet. In absehbarer Zeit werde es nicht gelingen, das Mausexperiment auf den Menschen entsprechend zu übertragen. "Und wenn, stellt sich die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist."


Das große Interesse an den Versuchen verblüfft Nayernia: "Bereits vor Tagen besuchten britische Journalisten das Labor, auch ein Filmteam war schon hier." Die in Deutschland begonnenen Projekte will er jetzt in Newcastle weiterführen. Mit dem entscheidenden Vorteil, daß er sie mit menschlichen Stammzellen wiederholen könnte. "Wenn wir die entsprechenden Genehmigungen haben", erklärt Nayernia, den die besseren Forschungsbedingungen nach Großbritannien lockten wie einst Stojkovic. "Die Verbindung nach Göttingen bleibt bestehen, ich werde nach wie vor mit Professor Engel zusammenarbeiten." Und Engel weiß, daß es viel zu verbessern gibt, immerhin sei der Beweis gelungen, daß sich Stammzellen zu männlichen Keimzellen entwickeln und Nachwuchs zeugen können. Die in der Kulturschale gezüchteten Spermien waren nicht perfekt, der typische Schwanz fehlte oder war verstümmelt. Mittels bewährter ICSI-Methode wurden sie in die Eizellen eingespritzt. "Ohne hätten sie wohl keine Chance, doch sie erfüllen das entscheidende Kriterium eines haploiden, einfachen Chromosomensatzes", lobt Professor Henning Beier, Direktor des Aachener Instituts für Reproduktionsbiologie, die "seriöse Arbeit".


Dieses Projekt dient vorwiegend der Grundlagenforschung. "Wir können zum Beispiel die Meiose und die Chromosomenverteilung beobachten", sagt Engel. Auch epigenetische Markierungen lassen sich untersuchen, die mitverantwortlich dafür sind, daß die so gezeugten Mäuse kleiner gerieten oder die doppelte Größe erreichten im Vergleich mit normalen Artgenossen. Warum sie früher starben, ist ebenfalls ungeklärt. Zudem trugen nur sieben der zwölf Sprößlinge spezielle Genmarkierungen, die mit ihren grün und rot fluoreszierende Proteinen zuvor für die Auswahl der Stamm- und Keimzellen gesorgt hatten. "Eines der vielen Rätsel, die wir lösen wollen", sagt Engel. Dabei steht ein anderes Projekt im Fokus: Sein Team konnte Stammzellen aus Mäuse-Hoden gewinnen. "Ihre Pluripotenz haben wir bewiesen", sagt Engel, "und vielleicht läßt sich so auch einmal unfruchtbaren Männern helfen."