PDA

View Full Version : Umwelt/Natur - Münchner Amseln reagieren lässiger



vamp
01.09.2006, 07:49
Stadtvögel sind widerstandsfähiger gegen akuten Stress als ihre Artgenossen aus dem Wald. Die Großstadt prägt die Reaktion des Körpers - und die wird auch vererbt. Das haben Forscher an Amseln herausgefunden, die in München geschlüpft sind.

Dass das nahe Zusammenleben mit dem Menschen für Wildtiere nur von Nachteil ist, stimmt so nicht. Seit langem ist bekannt, dass bestimmte Arten geradezu die Nähe des Menschen suchen: weil hier ein größeres Nahrungsangebot lockt, weil in seinen Siedlungen manche Arten leichter Nest und Behausungen finden - oder weil es in Städten einfach wärmer ist als im kalten Wald. Doch das Leben dort ist auch stressiger: Lärm, Bewegung, Licht und Gefahr sind Tiere in der Stadt ständig ausgeliefert - selbst wenn es eine so gemütliche Stadt wie München ist.


http://www.spiegel.de/img/0,1020,692493,00.jpg

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Seewiesen bei Andechs wollten wissen: Reagieren Münchner Amseln anders auf Stress als solche vom Land? Die Forscher zogen junge Amsel-Küken aus der bayerischen Landeshauptstadt und aus einem 40 Kilometer entfernten Waldgebiet von Hand auf und hielten sie ein Jahr lang zusammen am Institut. Während sie aufwuchsen und erwachsen wurden, waren die Vögel unterschiedlicher Herkunft denselben Umweltbedingungen ausgesetzt.

Im Winter unterzogen die Forscher dann die Stadt- und Landamseln mehreren Stresstests und nahmen danach Blutproben, ebenso im darauffolgenden Frühjahr. Die Konzentration des Hormons Kortikosteron im Blut der Vögel diente als Messwert für das Stressniveau. Überraschender Befund: Während noch im Herbst beide Vogelgruppen mit ähnlichen Hormonniveaus auf die gleichen Reize reagierten, blieben die Stadtamseln im nächsten Frühjahr viel cooler als ihre Verwandten vom Land. "Möglicherweise wird die verringerte Stressantwort erst später im Leben ausgebildet", sagte Jesko Partecke, einer der Autoren der Studie, die in der Fachzeitschrift "Ecology" veröffentlicht wurde.

Dass aber überhaupt ein so deutlicher Unterschied messbar ist, hat den Forschern zufolge vermutlich eine genetische Basis und ist das Resultat der Auslese in städtischer Umgebung.

Dass chronischer Stress einen gesundheitsschädlichen Einfluss auf einen Organismus haben kann, ist seit längerem bekannt. Tiere, die Städte besiedeln, sind vielen neuen und potenziell stressvollen Situationen ausgesetzt. Sie könnten daher unter den negativen Folgen des Stadtlebens leiden, sofern ihre Körper die Reaktion nicht den neuen - großstädtischen - Bedingungen angepasst haben.



Quelle: Spiegel.de (http://www.spiegel.de/wissenschaft/erde/0,1518,434611,00.html)