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View Full Version : Umwelt/Natur - Forscher lassen Schiff festfrieren



vamp
11.09.2006, 13:38
Es ist ein gewagter Einsatz: Französische Forscher haben ihr Segelschiff freiwillig im Packeis der Arktis einfrieren lassen. Zwei Jahre lang will die Besatzung auf einem Eisblock durch die Kälte treiben und Daten über den Klimawandel sammeln.

Das große Abenteuer hat begonnen: Das französische Polar-Forschungsschiff "Tara" steckt seit einigen Tagen im Packeis des Arktischen Ozeans fest - seine Besatzung will unvorstellbare zwei Jahre lang zwischen den Eisschollen ausharren. Die unerschrockenen Männer an Bord des Segelschiffes wollen die Entwicklung des Eises studieren und Material über den weltweiten Klimawandel sammeln.


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Als die Segel der "Tara" am vergangenen Dienstag zum letzten Mal für lange Zeit eingeholt wurden und der Motor verstummte, breitete sich die majestätische Stille der Arktis aus. Für die Polarforscher war dies ein "intensiver Augenblick". "Damit sind wir Segler am Ziel der Träume", jubelte Etienne Bourgois, der sich die Expedition ins Eis ausgedacht und sie auch organisiert hat. Entworfen wurde die 36 Meter lange und zehn Meter breite "Tara" bereits 1989; nach vielen Verzögerungen absolviert sie aber erst jetzt ihre große Nordpol-Fahrt.

Rund um die Uhr arbeiten die Wissenschaftler und ihre Helfer im Land der Mitternachtssonne derzeit, um die "Tara" an einem 3 mal 1,5 Kilometer großen, 80 Zentimeter bis 2 Meter dicken Eisbrocken zu befestigen und das darum entstehende Forschungslager für seinen harten Einsatz vorzubereiten.

Eigentlich sollte der russische Eisbrecher "Kapitän Dranitsyn" dem Segelschiff noch weiter hoch in den Norden den Weg bereiten. Doch der Eisbrecher - laut Bourgois "ein Monster von 230 Metern" - konnte gut 800 Kilometer nördlich vom sibirischen Tiksi nichts mehr gegen die dicken Schollen des sommerlichen Eises ausrichten. "Wir kamen nicht mehr voran - also hatten wir unseren Ausgangspunkt erreicht."

Von diesem Punkt auf 79 Grad und 53 Minuten nördlicher Breite, 143 Grad und 17 Minuten östlicher Länge aus driftet die "Tara" nun langsam durch den eisigen Norden. Innerhalb von zwei Jahren soll sie sich mit ihrem Eisblock etwa 2000 Kilometer nach Westen bewegen, bis sie im Sommer 2008 bei Spitzbergen wieder freischwimmt. Ohne Sonne und bei Temperaturen wie im Tiefkühlschrank hat eine achtköpfige französisch-russische Besatzung aus Seeleuten, Technikern und Wissenschaftlern jetzt zunächst den langen arktischen Winter zu überstehen.

Ab April 2007 wird sich die mobile Forschungsstation dann mit der Rückkehr der Sonne beleben; dann sollen Experten von der "Tara" aus den Klimawandel beobachten können. Seine Erlebnisse will das Team auf der Internetseite der Expedition schildern.

Der Pariser Ozeanologe Jean-Claude Gascard verweist auf Satellitenbilder, denen zufolge die Oberfläche des sommerlichen Packeises in den vergangenen drei Jahrzehnten um acht bis zehn Prozent geschrumpft sei. Zudem sei das Packeis fast 40 Prozent dünner geworden.

"Der Abbau des Meer-Eises wird sehr wahrscheinlich eine verheerende Auswirkung auf die Eisbären, die Robben und die menschlichen Bevölkerungen haben, die von diesen Tieren abhängen, um sich zu ernähren", sagt Gascard, der auch Koordinator des EU-Programms "Damokles" ist. Das Programm mit dem nicht sehr optimistischen Titel soll den Klimawandel in der Arktis und seine möglichen Folgen für die Menschen erkunden.


Quelle: Spiegel.de (http://www.spiegel.de/wissenschaft/erde/0,1518,436311,00.html)