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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Biologie - Gebrochener Rücken



vamp
22.09.2006, 09:02
Woran starben gestrandete Wale wirklich? Um das Rätsel zu lösen, seziert ein US-Pathologe angeschwemmte Meeressäuger.

Das Containerschiff rammt den Wal mit einer Geschwindigkeit von mehr als 15 Knoten. Doch während die Besatzung des Ozeanriesen den Zusammenstoß nicht einmal bemerkt und die Fahrt unbeirrt fortsetzt, bleibt der 14 Meter lange Meeressäuger schwer angeschlagen zurück.


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Ungefähr 15 seiner Rückenwirbel sind zerschmettert: eine Verletzung, die das Tier, ein ausgewachsenes Weibchen, nicht lange überlebt. Der Atlantische Nordkaper ist mit rund 300 verbliebenen Tieren die seltenste Großwalart überhaupt - nun gibt es ein Exemplar weniger.

Der Abgang hat sich Ende August vor der Küste der kanadischen Provinz Neuschottland ereignet. Dass die Öffentlichkeit überhaupt von solchen tödlichen Unfällen erfährt, liegt an Michael Moore von der Woods Hole Oceanographic Institution auf Cape Cod im US-Bundesstaat Massachusetts. Wenn der Atlantik einen Wal an die Klippen und Strände der amerikanischen Ostküste spült, ist der 50-jährige Tierarzt einer der Ersten am Fundort. "Um das Überleben der Wale zu sichern", sagt der hagere Mann, "müssen wir verstehen, woran einzelne Tiere sterben."

Weltweit gibt es bloß ein Dutzend Tierärzte, die sich auf die Leichenöffnung von Walen verstehen, darunter auch die Deutsche Ursula Siebert vom Forschungs- und Technologiezentrum Westküste in Büsum. Doch nur wenige haben so viele Walkadaver zerlegt wie Michael Moore, der mit Frau und vier Söhnen eine kleine Insel vor der Küste von Massachusetts bewohnt.

Das tote Weibchen in Neuschottland ist der 56. große Wal, den Moore untersucht hat. Das Tier wurde von Helfern an den Strand gezogen. Der Leib ist aufgebläht wie ein Ballon, das Werk von Bakterien: Inwendig zersetzen sie Organe und produzieren dabei Gas voller Schwefel- und Stickstoffverbindungen. Vorsichtig sticht Moore sein japanisches Flensmesser (Klingenlänge: 50 Zentimeter) in die Speckschicht. "Wenn man zu fest schneidet, kann einem das Material ins Gesicht explodieren." Zischend weicht das Faulgas aus dem Bauch des Leviathans. Moore atmet die Wolke gelassen ein - seinen Geruchssinn hat er schon lange verloren.

Zunächst schält der aus England stammende Pathologe die Speckschicht ab; dann entfernt er die Muskeln und die Rippen, so dass die bereits verwesenden Eingeweide zu sehen sind. Moore macht weiter, entdeckt die zertrümmerten Wirbel und kann nun mit großer Gewissheit sagen: "Ein Schiff hat dem Wal den Rücken gebrochen."

Einst bevölkerten Zehntausende Nordkaper den Atlantik zwischen Amerika und Europa, ehe sie von Walfängern im großen Stil zu Tran verkocht wurden. Doch obwohl sie seit 70 Jahren nicht mehr bejagt werden, stagniert ihre Zahl bei jenen 300 bis 350 Tieren, die vor der nordamerikanischen Ostküste leben.

Immer genauer erkennen Moore und andere Forscher, warum sich der Bestand nicht erholen kann. Einerseits fliehen die Nordkaper nicht vor Schiffen: Regelmäßig werden Tiere über den Haufen gefahren. Zudem sind viele Wale von Narben übersät, die ihnen von Fischnetzen und Schnüren von Hummerfallen zugefügt wurden. Die Seile schneiden sich tief ins Fleisch der Tiere, hat Moore erkannt. Die Wunden entzünden sich. Das schwächt die Wale und kann sie dahinraffen.

"Manche Tiere gehen erst nach einer Leidenszeit von einem halben Jahr zugrunde", sagt Moore voller Ingrimm. Seine Befunde haben mitgeholfen, dass in den Walgründen erstmals Geschwindigkeitsbegrenzungen für Schiffe erwogen werden. Auch gehen einige Hummerfischer in Neuengland dazu über, Schnüre mit Sollbruchstellen zu verwenden: Sie reißen, wenn sich ein Wal darin verheddert.

Allerdings geht Moore das alles zu langsam voran. Aber er hofft: Mit jedem Wal, dessen Todesursache er enthüllt, steigt der Druck auf die Behörden, weitere Maßnahmen zum Schutz der Nordkaper und anderer Wale zu ergreifen.

Am Ende seines Tagwerks steht Moore vor der Frage: Wohin mit dem 80 Tonnen schweren Wal? Man kann ihn einfach vergammeln lassen, was an öffentlichen Stränden zu Befremden führt. Man kann ihn auch ins offene Meer schleppen, was die Haifische freut. Die Fibel "Marine Mammals Ashore - A Field Guide for Strandings" nennt des Weiteren die Möglichkeit, den Wal in die Luft zu jagen: und zwar in "winzige Stücke, die - zumindest theoretisch - keiner bemerken wird oder die keinen groß kümmern werden".

Allerdings berge das Unterfangen seine Tücken, heißt es weiter in dem Handbuch: Einmal fühlten sich Ingenieure der Oregon State Highway Division berufen, einen gestrandeten Wal zu sprengen. Sie drängten die zahlreichen Zuschauer zurück, platzierten eine halbe Tonne Dynamit neben den Kadaver und zündeten: Ein Wumms, und der Wal schien verschwunden - was die Menge mit Jubel ("Yayy!" und "Wheee!") quittierte.

Sekunden später erschallten nur noch Schreie des Entsetzens: In einem Umkreis von mehr als 400 Metern prasselten Speckklumpen auf die Gaffer herunter.

Michael Moore zieht da persönlich die Bagger-Methode vor. Dem zu Tode gerammten Nordkaperweibchen ließ er am Strand ein Grab schaufeln.






Quelle: Spiegel.de (http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,437920,00.html)

Voodoo
22.09.2006, 09:23
boah wie krazz einen Wal in die Luft zu jagen....

Hoffe echt, dass Moore einiges bewirken kann.