PDA

View Full Version : Schreckensherrschaft hinter Gittern



MaX PoWeR
16.03.2006, 00:56
SENSATIONSPROZESS IN KALIFORNIEN

Schreckensherrschaft hinter Gittern

Von Marc Pitzke, New York

In Kalifornien hat der größte Mordprozess in der Geschichte der USA begonnen. Die rassistische "Arische Bruderschaft" soll in einer jahrzehntelangen Schreckensherrschaft hinter Gittern 32 Mithäftlinge umgebracht haben.

New York - Sie nennen ihn den "Baron". Er hat einen glänzenden, kahlgeschorenen Schädel und einen weißen Bart und trägt eine dicke Hornbrille. Seine Stimme ist ruhig, aber eindringlich, und oft hockt er in seiner Zelle still über einer kleinen Häkelarbeit oder schreibt Liebesbriefe an weibliche Fans.


http://www.spiegel.de/img/0,1020,596223,00.jpg
Angeklagter Mills: Kopf
fast abgeschnitten

Barry Byron Mills, 57, alias "McB" ist kein liebenswerter Häftling. Zurzeit in einem kalifornischen Hochsicherheitstrakt einsitzend, verbüßt er bereits zweifach Lebenslang. Jetzt könnte noch die Todesstrafe dazukommen: Die Staatsanwaltschaft bezeichnet den Häkelfreund als einen "abgefeimten, kalkulierenden Killer", der mehr Morde auf dem Gewissen habe als die Mafia - Morde, die Mills ausschließlich hinter Gittern begangen oder angeordnet habe.

Der "Baron" ist der Hauptangeklagte in einem Sensationsprozess, der gestern vor einem amerikanischen Bundesgericht bei Los Angeles begonnen hat und einer der umfangreichsten - und ungewöhnlichsten - Kriminalfälle in der Geschichte der USA ist. Alle Angeklagten sitzen bereits wegen anderer Delikte in Haft: 44 Männer, alle mutmaßliche Mitglieder der landesweiten Neonazi-Gefängnisgang "Aryan Brotherhood" (Arische Bruderschaft), die sich jetzt erneut vor Gericht verantworten müssen.

Killer unter Killern

Die Sammelklage, 140 Seiten stark, lastet ihnen 32 brutale Morde und Mordversuche an, die sich über drei blutige Jahrzehnte erstrecken - und das sei, so glaubt die Staatsanwaltschaft, sowieso erst die Spitze des Eisbergs. "Dies ist das größte Verfahren, das je vor ein amerikanisches Gericht gekommen ist", sagt selbst Mills Strafverteidiger Dean Steward.

Das Gerichtsgebäude ist zum Bunker verwandelt worden, mit den aufwendigsten Sicherheitsvorkehrungen, die das idyllische Santa Ana je erlebt hat. Die beiden Hauptangeklagten des ersten Prozesses - Mills und der gigantische Tyler Davis Bingham, 58, genannt "Hulk" - wurden im Gerichtssaal an schwere Eisenketten gelegt, die wiederum mit Stahlbolzen im Boden verschraubt waren.

Mills und Bingham gelten als die zwei obersten Rädelsführer der Arischen Bruderschaft, kurz AB. Seit Jahrzehnten versuchen die Strafbehörden vergeblich, dieser Häftlings-Gang beizukommen. 1964 im berüchtigten kalifornischen Gefängnis San Quentin gegründet, fungierte die AB anfangs als kleine, rassistische Gang weißer Insassen, die sich mit Prügeleien und Neonazi-Tätowierungen gegen Schwarze und Latinos profilieren wollten. Über die Jahre wucherte sie zu einem landesweiten Apparat, einer zweiten Schattengesellschaft innerhalb der Häftlings-Schattengesellschaft - Killer unter Killern.

"Mörderischste Organisation der USA"

Rassistische Motive und der "Rassenkrieg" zwischen weißen und schwarzen Häftlingen sind dabei längst in den Hintergrund gerückt, auch wenn ethnische Minderheiten und Schwule weiter zu den Hauptopfern zählen. Doch die Gang - der inzwischen auch Schwarze und Juden angehören - knöpft sich den Ermittlungen zufolge heute jeden vor, der sich ihren Befehlen widersetzt. "Der AB geht es nicht um die Vorherrschaft der Weißen", sagt das frühere AB-Mitglied Michael Thompson, heute ein Zeuge der Anklage, der aus Angst vor Vergeltungsmord seither unter Personenschutz steht. "Der AB geht es nur um Vorherrschaft."

Die Gruppe hat sich nach Worten des zuständigen Oberstaatsanwalts Gregory Jessner mittlerweile in den meisten US-Haftanstalten festgesetzt, mit einem Kern aus rund hundert Mitgliedern und Tausenden loyalen Mitläufern. Sie kontrolliere einen schwunghaften Drogenhandel hinter Gittern, außerdem Glücksspiel und Erpressung. Als Waffen dienten den AB-Mitgliedern handgemachte Dolche aus Lampen oder Radioteilen, Abflussrohre oder die bloßen Hände.

"Wir leben in einer anderen Gesellschaft als ihr", sagte Mills in einem früheren Prozess aus. "In unserer Gesellschaft gibt es gerechtfertigte Gewalt." Es war in jenem Prozess, da der "Baron" des Mordes für schuldig gesprochen wurde: Er hatte einen Mithäftling in eine Klozelle gelockt und ihm dort mit einem handgemachten Messer den Kopf fast ganz abgeschnitten.

Geheimtinte Urin

Die Anklageschrift liest sich in voller Länge wie das grausige Drehbuch zu einem Film Noir. Die Staatsanwaltschaft zeichnet darin eine elende Welt hinter Gittern, in der jede Moral außer Kraft gesetzt sind. Die AB nimmt demzufolge nur die stärksten Männer in ihren Bund auf. Das Einführungsritual bestehe meist darin, dass der Kandidat einen "Demonstrationsmord" begehen müsse. Einmal in die Blutgemeinschaft aufgenommen, werde der Neuzugang mit einem Brandeisen tätowiert.

AB-Mitglieder müssten sich den Befehlen der Höhergeordneten bedingungslos unterwerfen. Sie müssten Mordaufträge ausführen, Falschaussagen leisten und Nachrichten übermitteln, die oft mit einer ganz speziellen Geheimtinte geschrieben seien - Urin.

Mindestens neun Monate soll der erste Abschnitt dieses Mammutverfahrens dauern. Zunächst werden Mills, Bingham und zwei weitere AB-Mitglieder wegen Mordes an zwei Schwarzen 1997 zur Rechenschaft gezogen - und zwar mittels eines Gesetzes, das eigentlich gegen die Mafia erlassen worden ist. Die nächsten vier Angeklagten kommen im Oktober vor Gericht, die restlichen sollen später folgen. 16 Männern droht die Todesstrafe. 19 haben sich bereits schuldig bekannt. Einer beging in seiner Zelle inzwischen Selbstmord.

Die Todesstrafe scheint den meisten dabei aber offenbar nur Recht. "Eine beträchtliche Anzahl lebenslänglicher Häftlinge zieht den Tod vor", sagt der Soziologieprofessor Michael Radelet von der University of Colorado. "Wenn Leute hingerichtet werden, werden sie zu Helden."

zoot
16.03.2006, 08:40
krass ...

Klabauter
16.03.2006, 09:38
Erinnert mich an den Film "American History X"

rieke
16.03.2006, 09:47
jo mich auch. Wobei der Film nur halb so krass ist im Vergleich zu dem was hier beschrieben wird.

Klabauter
16.03.2006, 09:53
Stimmt... und dabei war der Film schon krass...

Voodoo
30.08.2011, 15:40
Zufällig drauf gekommen:

Nachdem sich die Jury nicht auf eine angemessene Strafe einigen konnte, wurde Mills nicht zum Tode verurteilt, sondern verbüßt zur Zeit eine lebenslange Haftstrafe im Bundesgefängnis ADX Florence in Florence, Colorado, USA.

Quelle (http://www.nytimes.com/2006/09/16/us/16aryan.html)

Castor
30.08.2011, 17:26
mich erinnert das neben American History X noch viel mehr an Blood in Blood out imdb (http://www.imdb.com/title/tt0106469/), da stehen die Bandenkriege im Knast stärker im Focus.

Super Film btw, für die, die ihn nicht kennen