Die Debatte um die Ursprünge des Menschen bekommt neue Nahrung: Forscher haben in Äthiopien 4,2 Millionen Jahre alte Überreste von Vormenschen entdeckt. Sie halten sie für ein weiteres Glied in der Kette der menschlichen Evolution.

bDie Forscher brachten unter anderem den größten jemals entdeckten Eckzahn eines Menschen-Vorfahren zu Tage. Auch der erste bekannte Oberschenkelknochen eines Australopithecus anamensis wurde bei den Ausgrabungen im äthiopischen Asa Issie geborgen.
Es sind aber nicht einmal die Funde selbst, die das Team der University of California in Berkeley für die eigentliche Überraschung hält, sondern ihr Ort: Fossile Überreste der Art Australopithecus anamensis waren bisher nur aus Kenia bekannt.

bNun haben die Experten solche Spuren erstmals auch in Äthiopien gefunden - im gleichen Land, in dem zuvor schon die Überreste von sieben anderen menschenähnlichen Arten aufgetaucht sind, die eine Zeitspanne von sechs Millionen Jahren und drei Hauptphasen der menschlichen Entwicklung abdecken. Das berühmte Skelett von Lucy, eines weiblichen Exemplars der Art Australopithecus afarensis, wurde vor einigen Jahren ebenfalls Äthiopien ausgegraben.
"Wir haben soeben die Kette der Evolution, die Kontinuität über die Zeit gefunden", kommentiert Berhane Asfaw, einer der beteiligten Forscher, ein wenig pathetisch. "Eine Form entwickelte sich zur nächsten. Dies ist der Beweis, dass Evolution über die Zeit an einem Ort stattgefunden hat."

Debatte dürfte weitergehen

bDie Funde deuteten auf einen "relativ schnellen Übergang" von den deutlich primitiveren Menschen-Vorläufern der Art Ardipithecus ramidus, die schon 1992 in Asa Issie entdeckt wurden, zum Australopithecus hin, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Nature". Beide Vormenschen-Arten seien offenbar vor 4,2 Millionen Jahren kurzfristig Zeitgenossen gewesen.
Die ältesten bekannten Vertreter von Ardipithecus ramidus sind immerhin 5,8 Millionen Jahre alt. Sie zählen wie die Australopithecus zu den mutmaßlichen Ur-Urahnen des heutigen Menschen. Einige Wissenschaftler ordnen sie allerdings als bloße Ur-Affen ein.

Ob die neuen Funde beweisen, dass Australopithecus anamensis tatsächlich ein direkter Vorfahr der etwa eine Million Jahre jüngeren Lucy und damit des Australopithecus afarensis war, dürfte unter Experten aber weiterhin umstritten bleiben. Selbst Studienleiter Tim White räumte ein, dass Zweifel bestehen bleiben. Es sei auch jetzt nicht abschließend geklärt, ob eine direkte Verwandtschaftslinie vom Ardipithecus zum Australopithecus führe. Möglich sei auch, dass Ardipithecus ausgestorben sei und Australopithecus sich unabhängig entwickelt habe.